Rassistisches Gemüse?

Zur Etymologie der „Möhre“
Natürlich haben wir über die Umbenennung unserer Apotheke von Mohren- in Möhren-Apotheke intensiv nachgedacht. Auch andere Namen wären in Frage gekommen. Möhren-Apotheke erschien uns nicht nur eine einfache Lösung, die zudem den Wiedererkennungswert unserer alteingesessenen Apotheke gewährleistet, sondern die Möhre steht auch für Gesundheit und Vitalität und passt so wunderbar zu den Diensten, die wir den Kundinnen und Kunden in unserer Apotheke leisten wollen. Nun sind wir im Kontext unserer Recherchen und Auseinandersetzungen auch auf Kritik an anderen Umbenennungen gestoßen, die darauf verwiesen, dass von seiner Wortgeschichte her die „Möhre“ doch eng verwandt mit dem Begriff „Mohr“ und folglich ebenso wie letzterer als rassistisch abzulehnen sei. Wenn das stimmen würde, wäre natürlich mit der Umbenennung in Möhre-Apotheke nicht viel gewonnen und wir hätten uns besser für eine der anderen möglichen Alternativen entschieden, etwa für den etwas sperrigen Namen „Karottenapotheke“.
Zunächst einmal sei darauf hingewiesen, dass es nicht in erster Linie die Etymologie eines Wortes, also die Geschichte der Entstehung seiner FORM ist, die es zu einer Diskriminierung macht, sondern die Art und Weise seiner VERWENDUNG, der Bedeutungen und Konnotationen, die damit verbunden wurden und werden. Hierbei ist durchaus der Blick auf die Geschichte wichtig, da Bedeutungen sich verändern, doch die Wirkung früherer Bedeutungen in die Geschichte eines Wortes eingeschrieben ist und nicht einfach verschwindet, selbst wenn andere Verwendungsweisen frühere verdrängen und überlagern. Das wichtigste Argument für uns in der Auseinandersetzung mit Bedeutungen und Konnotationen des Wortes „Möhre“ war, dass, soweit uns bekannt ist, weder die Verwendung des Wortes Möhre und noch das eher veraltete „Mohrrübe“ von Personengruppen als diskriminierend empfunden werden. Vielmehr haben wir festgestellt, dass im Kontext anderer  Umbenennungen, wie z.B. der Möhrenstraße in Berlin, Schwarze Aktivisten und Aktivistinnen, People of Colour (PoC), also von Rassismus betroffene Menschen, diese Umbenennungen gutgehießen haben. Dies erscheint uns als ausreichende Begründung dafür, dass nicht nur aus gesundheitlicher, sondern auch aus politischer Sicht „Möhren-Apotheke“ ein guter Name ist. Was eine Diskriminierung ist, entscheiden schließlich immernoch die Diskriminierten.
Trotzdem freuen wir uns doch über die Bedenken der Kritikerinnen und Kritiker und halten auch diese Auseinandersetzung für wichtig. Auf der Internetseite „moehrenstrasse.wordpress.com“ heißt es so schön: „die Möhrenstraße ist keine Einbahnstraße: Gegenverkehr ist gewünscht und zugelassen.“1 So ist es schließlich auch mit unserer Apotheke, die durch ein und dieselbe Tür betreten und verlassen werden kann. Dabei kommt es manchmal zu Kollisionen, aber auch zu schönen Begegnungen zwischen Menschen – das Verlassen der Apotheke bedeutet die Möglichkeit wiederzukommen und umgekehrt. Das heißt: Gegenverkehr ist auch bei uns erwünscht!
Die Frage, inwiefern die Wörter „Mohr“ und „Möhre“ nun verwandt sind, hat uns selbst nicht mehr losgelassen. Zu unserer großen Beruhigung konnten wir feststellen, dass es keinen ersichtlichen Grund gibt, die Möhre in Misskredit zu ziehen – der Begriff wird nicht nur nicht diskriminierend gebraucht und verstanden, sondern, wenn wir den gängigen etymologischen Wörterbüchern des Deutschen glauben können, hat auch seine Form eine andere etymologische Wurzel als der Begriff „Mohr“. Während letzterer vom alt- und mittelhochdeutschen mȫr stammt, welches sich wiederum aus dem lateinischen „maurus“ (also Bewohner Mauretaniens) ableitet, stammt der Begriff “Möhre” vom westgermanischen und althochdeutschen morha oder moraha, wurde im Mittelhochdeutschen zu morhe oder morche, später more.2 Als urgermanische Ausgangsform hiervon wird „morhon“ rekonstruiert, welches als verwandt mit den serbischen und russischen Begriffen mrkva und morkov gilt sowie mit dem griechischen brakava3 – d.h. im Gegensatz zu „Mohr“ ist „Möhre“ nicht lateinischen, sondern germanischen Ursprungs und gemeint war immer die „gelbe Rübe“. Auch der Begriff „Mohrrübe“ ist etymologisch nicht mit “mohr”/”maurus” verwandt – er scheint jünger zu sein als Möhre – in Grimms Deutschem Wörterbuch heißt es, „rübe“ sei später erklärend zum Begriffe more hinzugetreten und die „umlautlose Form erhalten geblieben“4.
————————————————————-
2 Siehe z.B. Hady Jiffy (2008): Ursprungswörterbuch der deutschen Sprache unter besonderer Berücksichtigung der akkadischen Sprachen sowie der Dialekte und Mundarten, Band 2, Hamburg/ Augsburg, S. 277; Jacob und Wilhelm Grimm (1984): Deutsches Wörterbuch (Nachdruck der Erstausgabe von 1885), Bd. 12, München: dtv, S. 2474; Hermann Paul (2002): Deutsches Wörterbuch: Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes, 10. Aufl., Tübingen: Niemeyer, S. 671.
3 Alfred Götze (Hg.) (1943): Trübners Deutsches Wörterbuch, 4. Bd., Berlin: Walter de Gruyter, S. 665.
4 Friedrich Kluge (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage, New York: De Gruyter, S. 627.
Advertisements
Recent Posts
Recent Comments
Archives
Categories
%d bloggers like this: